Das Denkmal des Dichters Wilhelm Müller in Franzensbad
Im Jahre 1910 besuchten 400 Gäste den großen historischen Kursaal Franzensbad
(damalig Konversationssaal genannt)
Am 20. Juli 1826 kommt Wilhelm Müller aus Dessau in Sachsen-Anhalt zur Kur nach Franzensbad. Der zweiunddreißigjährige Müller, studierter Philologe, Latein- und Griechischkenner, nahm Unterkunft im Hause Zum Goldenen Engel und trug sich als Bibliothekar auf dem Hofe des Herzogs und Hofrat, zu welchem ervor zwei Jahren ernannt wurde, in das Gästebuch ein. Zu dieser Zeit war er aber vor allem schon ein bekannter romantischer Dichter, der mit der Sammlung Griechische Lieder in die hohe Literatur eintrat, in der er nach dem Vorbild des englischen Lords und Poeten Byron den Befreiungskampf der Griechen gegen die türkische Vorherrschaft verherrlicht. Das brachte ihm auch den Spitznamen Müller-Grieche, Ruhm und nicht geahnte Beliebtheit erwarb er sich jedoch mit seinen einfachen, melodischen und wohlgeratenen, gereimten Gedichten zu den ewigen Themen des Alltags. Die Liebe, die Natur, die Bruderschaft und Treue als Ideale der stürmischen Jugend verstand er dank seinem Humor und feiner Ironie ohne die sich einnistende Biedermeieridylle zu ergreifen. Seine Verse, schon 1823 von Franz Schubert vertont, wurden wortwörtlich über Nacht zum Volksliederbuch der Studentenverbindungen. Es gab das ganze 19. Jahrhundert über keine durch
die Natur wandernden Studenten, die nicht seine Lieder aus der Sammlung Die schöne Müllerin gesungen hätten. Während seines Kuraufenthaltes verfasste Müller den Zyklus Lieder aus Franzensbad und es ist deshalb kein Wunder, dass sich die Franzensbader Hochschüler entschlossen, ihrem bewunderten Dichter ein Denkmal zu bauen. Nach zwei Jahren Sammlungs- und Organisationsbemühungen verlief im September 1910 in Franzensbad eine der größten und längsten Denkmalsfeierlichkeiten.
Wilhelm Müller
(in Bezug auf die Heilquellen)
Ich trink´ alle Morgen zehn Becher leer
Mit hundert Leuten und mehr und mehr.
Zehn Tage trinken wir schon vereint,
Und keiner weiß, wie´s der andere meint.
Sie trinken und ziehen ein saures Gesicht
Sie gucken mich an und verändern es nicht.
O Wasser, ist das die Wunderkraft,
Die allen Leiden Genesung schafft?
Ich wollt´, in dem Sprudel flösse Wein
Und es schöpfte die schönste der Nymphen ein:
Beim ersten Becher entflöh´ der Harm,
Beim zweiten wären wir wohl und warm.
Schon am Mittwoch dem 7. September 1910 wurden auf dem Bahnhof die aus der ganzen k. u. k. Monarchie und aus deutschen Universitätsstädten anreisenden Studenten begrüßt. Nur aus Leipzig allein kamen 8 Studentenverbindungen einschließlich des Sängerchors Arion. Über 400 in 44 Verbindungen vereinte Studenten nahmen am Abend im Konversationssaal des Kurhauses am Kommers teil, einem traditionellen, repräsentativen Studententrinken. Der Vertreter der örtlichen Hochschüler Grillmaier hieß alle willkommen und die Hauptrede wurde von Dr. Robert Sandner gehalten, der nicht vergaß zu betonen, dass es um eine große Tat der deutschvölkischen Studentenschaft geht. Einen ähnlich großen Applaus erhielt mit der Hervorhebung des Begriffs „alldeutsch“ als Programmsinn des heutigen Bemühens auch die Rede des Egerer Bierbrauers und Abgeordneten Mayer. Am Donnerstag dem 8. September um 11 Uhr vormittag wurde im nordöstlichen Teil des Stadtparks der mit fünfzig Kränzen belegte Steinblock mit dem Reliefporträt des Dichters vom Egerer Bildhauer Mayerl feierlich enthüllt. Unter dem Porträt war eine Tafel befestigt - mit dem eingemeißelten Text „Es ist das kleinste Vaterland der größten Liebe nie zu klein“, der den ersten Vers aus den patriotischen Epigrammen Wilhelm Müllers bildet. Unter ihm stand dann die Widmung der deutschvölkischen Hochschüler aus Franzensbad mit der Jahreszahl 1910. Das von der Stadt im Hotel Stadt Leipzig veranstaltete festliche Mittagessen für 100 geladene Gäste, die Volksfeier am Nachmittag im Park und der Tanzabend im Kurhaus rundeten die Würde des nachmittäglichen Enthüllens ab. Die mit Dank und Bewunderung von Franzensbad gefüllten Äußerungen waren in diesen Tagen wahrscheinlich ehrlich gemeint, denn noch am Freitagabend bewegten sich in den örtlichen Gaststätten um die 200 Studenten, die es verstanden, bei dieser ferialen Hochschulfeier den Kurort in ein lustiges und singendes Städtchen zu verwandeln.
Das Denkmal des Dichters Müller steht auf der ursprünglichen Stelle im Park. Die Anschriftstafel wurde nach 1945 beseitigt und es verblieb ein nichtssagendes Reliefporträt. Für die meisten Passanten wurde das Denkmal zu einem verirrten Stein eines unbekannten Kavaliers. Nächstes Jahr vergehen 100 Jahre von seiner Aufstellung. Es wäre bestimmt erwägenswert, die mehr als 60-jährige Anonymität dieses mit Moosflechte bewachsenen und mit irgendeiner Betonmischung „verschönerten“ Steins zu beseitigen und ihn als Denkmal des Dichters Wilhelm Müller in das Gedächtnis der Stadt zurückzurufen.
